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Woher kommen unsere Weihnachtslieder ?

Von Martin Luther bis George Michael

Sie sind neben dem Weihnachtsgebäck, das ab dem 1.September in den Supermarktregalen steht die wichtigsten Vorboten der Weihnachtszeit: Die Weihnachtslieder. Im Gegensatz zu Ostern hat das aufwändigste und augenscheinlichste Fest des Jahres nicht nur seine eigene „Aufwärmphase“.  Aus vier Adventssonntagen besteht der Countdown, den wir zudem noch anhand der 24 Türchen im Adventskalender zählen. Eine wesentliche Besonderheit des Christfestes ist die große Zahl an Liedern, die sich über Jahrhunderte im weihnachtlichen Repertoire angesammelt hat.

Hausmusik zur Weihnacht

Die Weihnachtslieder, die große und kleine Musikanten unter dem Weihnachtsbaum spielen und singen und die wir ab November in Einkaufspassagen und auf Weihnachtsmärkten hören haben Menschen in einem Zeitraum von ungefähr 400 Jahre geschrieben und getextet. Weisen aus der Reformationszeit wie „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ stehen am Anfang, George Michaels „Last Christmas“ aus dem Jahr 1984 auf der letzten Seite des imaginären Gesangbuchs unseres Weihnachtskollektivs.

Blättert man durch ein Album mit Weihnachtsliedern fällt auf, dass die Dichter der meisten Liedtexte namentlich bekannt sind. Beim Ursprung der Melodien aber Angaben wie Volksweise, Traditional oder „aus Schlesien“ zu finden sind. Die Tonfolgen sind meistens älter als die Verse. Ihre Spur verliert sich zum Beispiel in Schlesien oder sie läßt sich als „Volksweise“ keiner Person oder Region eindeutig zuordnen. Die Melodien wurden von den Autoren prächtigen Pferden gleich eingefangen und vor ihre Worte gespannt, um sie in die Welt zu tragen. Oft bis in unsere Gegenwart.

Alles nur geklaut

Weihnachtslieder von Martin Luther

Martin Luther

Natürlich beherrschten biblische Motive, besonders die Geburt Jesu die Texte der frühen Gesänge. Mit den ursprünglichen Zeilen der verwendeten Volksweisen wurde jedoch nicht das Weihnachtsfest oder Jesu Geburt besungen. Vielmehr verwendeten die Dichter alte Melodien, um sie durch ihre neu getexteten Verse erst zu Weihnachtslieder umzufunktionieren. Martin Luther war der erste, der im Rahmen der Messe Lieder mit deutschen Texten singen ließ. Dies entsprach einer der Grundideen der von ihm angestoßenen Reformation. Die Verwendung von deutschen Texten in der Predigt und beim Gesang. Das den meisten Menschen nicht verständliche Latein sollte in Luthers Augen reduziert werden. Eines der bekanntesten der rund 30 von ihm geschriebenen Weihnachtslieder ist das Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Den Text schrieb er in den 1530-ger Jahren und sang ihn zunächst auf die Melodie eines Spielmannsliedes. Erst später schrieb er eine eigene Melodie zu seinen Strophen.

Die großen Barockkomponisten

Im folgenden Jahrhundert, also in der Barockzeit kamen einige Weihnachtslieder hinzu. Sie entsprangen immer noch einem kirchlichen Umfeld. Johann Sebastian Bach war seit 1723 als Thomaskantor für die Kirchenmusik in Leipzig zuständig. Er verwendete 1734 für sein Weihnachtsoratorium das Lied „Ich steh an deiner Krippe hier“. Der Theologen Paul Gerhardt verfasste den Text dieses Liedes, wobei er sich wiederum einer Melodie Martin Luthers bediente. Ein ja schon gängiges Verfahren der Weihnachtslieddichter. An das Urheberrecht und so etwas wie die GEMA dachte damals noch niemand.

Die 1736 von Bach zu Gerhardts Text neu komponierte Melodie singen die Gläubigen noch heute an Weihnachten in der Kirche. Noch ein weiterer großer Komponist der Barockzeit steuerte eine  Melodie bei. Georg Friedrich Händel, der wie Johann Sebastian Bach 1685 geboren wurde war die Quelle bei der sich Friedrich Heinrich Ranke für sein Lied “Tochter Zion, freue dich” bediente.  Er reihte sich um 1820 ein in die Riege der weihnachtlich dichtenden Theologen, in dem er seinen Text mit Choralsätzen aus Händels Oratorium Joshua unterlegte.

Die gute alte Zeit

Wobei wir im 19.Jahrhundert angekommen wären. Es ist eine Epoche, in der es zu einer kreativen Explosion auf dem Gebiet der Weihnachtslieddichtung kam. Aus dieser Zeit stammen wahrscheinlich die meisten und beständigsten Weihnachtsschlager. Neben dem Liedgut wurden im vorletzten Jahrhundert einige heute selbstverständliche Weihnachts- und Adventsbräuche eingeführt. Da zu dieser Zeit vermehrt bis dahin seltenen Tannen- und Fichtenwälder angelegt wurden, konnten es sich immer mehr Menschen leisten einen Tannenbaum zum Fest nach Hause zu holen. Ebenso schickte sich der Weihnachtsmann an mehr und mehr die Aufgabe von Nikolaus und Christkind zu übernehmen, den Kindern die Geschenke zu bringen. In Norddeutschland steckte man zum ersten Mal einen Adventskranz und erfand den Adventskalender.

Musikalisch begann die Bereicherung der Weihnachtskultur schon vor der Jahrhundertwende. 1798 schrieb wiederum ein Theologe den Text zu „Ihr Kinderlein, kommet“. Es dauerte – wie bei Weihnachtsliedern üblich – bis 1832, bis die uns heute bekannte Melodie von Johann Abraham Schulz und der Text von Christoph von Schmid zusammenfanden. Auch andere Weihnachtslieder aus dieser Zeit folgen diesem Muster, bei dem ein Gedicht einige Anläufe benötigt, um seine Melodie zu finden und zum Weihnachtslied zu werden.

Ein Erfolgsduo

Der 1837 verfasste Text des Liedes „Alle Jahre Lieder“ stammt gesichert aus der Feder von Wilhelm Hey. Gesungen wird er zu gleich drei verschiedenen Melodien. Die Vaterschaft der Verse des Liedes „Kling, Glöckchen, klingelingeling“ ist mit dem Lehrer Karl Wilhelm Enslin geklärt. Wer die Melodie, die wir noch heute singen beigetragen hat liegt allerdings im Dunkeln. Die Komponisten Carl Reinecke und Wilhelm Speyer waren es nicht. Ihre Versionen des Liedes singt man heute mehr. Der Text des Liedes „O du fröhliche“ hat sogar zwei geistige Väter. Der erste, Johannes Daniel Falk aus Weimar suchte 1815 zu seinen Versen eine Melodie in einer Liedersammlung und entschied sich für die eines altes Marienliedes aus Italien. Heinrich Holzschuher aus Oberfranken fügte dem Lied zwei weitere Strophen hinzu.

Ein Lied aus dem 19.Jahrhundert bildet durch seinen Entstehungsprozess eine Ausnahme: „Stille Nacht, heilige Nacht“. Der aus der Gegend von Salzburg stammende Hilfspfarrer Joseph Mohr  schrieb die Zeilen. Dann beauftragte er den Organist Franz Xaver Gruber zu seinem Gedicht eine Melodie zu komponieren. Nehmen wir an, dass Franz Gruber nicht dem Trend der Zeit folgend doch in einem der vielen zu dieser Zeit veröffentlichten Liederbücher nachschlug. Beide waren an der Uraufführung des Liedes 1818 beteiligt. Danach brach „Stille Nacht“ zu einem wahren Siegeszug rund um den Globus auf. Es wurde nicht nur als „Silent Night“ ins Englische übertragen, sondern wird heute mit Texten in über 50 Sprachen gesungen. Darunter auch Arabisch, Chinesisch und Vietnamesisch. Folgerichtig, dass die UNESCO das Lied zum Immateriellen Weltkulturerbe erklärte.

Weihnachten wird bürgerlich

Die Texte der Lieder, die im 19.Jahrhundert entstanden handeln zwar immer noch von der ursprünglichen Weihnachtsidee. Im Mittelpunkt steht aber immer weniger die Geburt des Jesuskindes. Immer wichtiger werden weltliche Bräuche wie der Weihnachtsbaum, der mit dem Lied „Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen“ besungen wird. Mit den Worten „O Tannenbaum“ beginnen gleich zwei Weihnachtslieder, wobei das Lied „O Tannenbaum, du trägst ein’ grünen Zweig“ erst nach 1800 überhaupt zu Weinachten gesungen wurde. Der Evergreen unter den Weihnachtslieder ist „O Tannenbaum“ (man verzeihe mir das unvermeidliche Wortspiel). Bei diesem Lied wurde sowohl die Melodie, als auch der Text geklaut und verändert, damit es zum Weihnachtshit werden konnte. Wie alt die Melodie ist und wer sie erdacht hat, kann man heute nicht mehr nachvollziehen.

Der Theologe August Zarnack war Lehrer an Mädchenpensionaten und schrieb zu der Melodie einen tragischen Text über eine enttäuschte Liebe, in dem er die Beständigkeit des Tannenbaums der Treulosigkeit seiner Auserwählten gegenüberstellte. Ernst Anschütz, ein Lehrer aus Leipzig behielt in seiner Version von 1824 nur die erste Strophe bei und ersetzte die restlichen Strophen von August Zarmack durch eigene. Hatte dieser noch die Falschheit eines „Mägdeleins“ besungen, stellte Anschütz vor allem in der zweiten Strophe den Weihnachtsbezug her.

Weihnachtslieder: Leise rieselt der SchneeSind Winterlieder auch Weihnachtslieder ?

In Eduard Ebels Weihnachtslied „Leise rieselt der Schnee“ wird das Christkind zwar in jeder der vier Strophen erwähnt. Auslöser dieses Lied zu schreiben scheint aber eher ein Winterspaziergang gewesen zu sein. Damit ist es noch keines der reinen Winterlieder wie zum Beispiel „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, in dem der christliche Bezug völlig fehlt. Natürlich hat Eduard Ebel nur den Text von „Leise rieselt der Schnee“ verfasst. Die Melodie ähnelt einer der Schöpfungen des Komponisten und Mozart-Zeitgenossen Daniel Gottlob Türk. Etwas Gesichertes über die Herkunft der Melodie ist allerdings nicht bekannt.

Getextet wird am Lied noch heute. Manchem heutigen Schüler ist die folgende Strophe geläufig: “Leise rieselt die Vier, auf das Zeugnispapier, Fünfen und Sechsen dazu, freue dich sitzen bleibst du”. Auch im Lied „Fröhliche Weihnacht überall“ geht es zunächst um „Weihnachtston, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft.“ Erst in der letzten Zeile der letzten Strophe wird das Christkind namentlich erwähnt. Dass die Melodie älter ist als der Text braucht versteht sich von selbst.

Gesungene Wunschliste

Mit dem Text des Liedes „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ wird die Weihnachtsdichtung endgültig profan. Er stammt von dem selben Dichter wie der Text der Deutsche Nationalhymne, die eine ähnliche Geschichte hat, wie die meisten Weihnachtslieder (aber das ist ein anderes Thema). Hoffmann von Fallersleben, eigentlich August Heinrich Hoffmann schrieb die Verse über die Wunschliste eines Knaben, der scheinbar früh ein Faible fürs Militärische entwickelt hat. Trommel, Pfeife und Gewehr, Fahn und Säbel, ein ganzes Kriegesheer sowie Musketier und Grenadier sprechen eine eindeutige Sprache. In Frankreich kennt die Melodie von „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ jedes Kind. Allerdings singt man es dort als „Ah! vous dirai-je, Maman“. Schon Wolfgang Amadeus Mozart und die Komponisten Ernst von Dohnányi und Camille Saint-Saëns („Karneval der Tiere“) verwendeten die Melodie oder Fragmente in ihren Kompositionen.

Ein weiteres Winterlied aus dem 19.Jahrhundert, das zu Weihnachten sehr oft zu hören ist stammt von einem anderen Kontinent. Der Song „Jingle Bells“ wurde in den 1850-ger Jahren vom US-Amerikaner James Lord Pierpont geschrieben. Andere Länder, andere Sitten, er ist verantwortlich sowohl für den Text, als auch für die Melodie. Weiter getextet wurde aber auch an diesem Wintersong. 1968 hielten es die Produzenten von Roy Black für eine gute Idee, ihren Schlagerstar zur Melodie von „Jingle Bells“ einen „Kleinen, weißen Schneemann“ besingen zu lassen.

Amerikanische Weihnachtskultur breitet sich aus

Die Phase des großen Einflusses der USA auf unsere Weihnachtsbräuche und -musik begann im 20. Jahrhundert. Noch lange bevor auch in Deutschland die in Amerika übliche Aussendekoration mit Lichterketten und Figuren im Vorgarten zu sehen war, gehörten Titel aus den USA zum weihnachtlichen Liedgut. Als der Swing die Alltagsmusik zwischen New York und San Francisco war und von vielen Radiostationen gespielt wurde, schrieben viele Komponisten des Genres auch Lieder für die Weihnachtszeit.

So auch der vierfache Oscargewinner Sammy Cahn und sein Kollege Jule Styne („Diamonds Are a Girl’s Best Friend“), die sich als Komponisten vieler damals populärer Broadway-Musicals einen Namen gemacht haben. Barbra Streisand, Frank Sinatra und Dean Martin sangen ihre Songs und machten sie berühmt. Mit „Let It Snow!“ aus dem Jahr 1945 haben sich die beiden ein akustisches Denkmal in den weihnachtlichen Einkaufspassagen der Welt gesetzt.

Zwei Jahre später wurde ein weiteres Winterlied ein noch größerer Hit. Der mit seinen Eltern aus Russland in die USA eingewanderte Irving Berlin veröffentlichte 1947 den Song „White Christmas“, der als Single der am meisten verkaufte Weihnachtssong ist. Die Schätzungen über die Verkaufszahlen gehen von 30 Millionen Exemplaren aus. Bezieht man den weltweiten Verkauf ein, gehen Experten von bis zu 100 Millionen Exemplaren aus. Für Irving Berlin, der kaum Klavier spielen und keine Noten lesen konnte erfüllte sich so der „American Dream“: Vom Straßenjungen zum Plattenmillionär.

Weihnachten und Popkultur

Selten gesungen aber in der Weihnachtszeit oft gehört ist John Lennons und Yoko Onos Lied „Happy Xmas (War Is Over)”. Es war eigentlich nicht als Weihnachtslied angelegt, sondern entstand 1969  im Rahmen einer Kampagne gegen den damals noch tobenden Vietnamkrieg. Trotzdem folgten die beiden Künstler der Tradition der Weihnachtsliedverfasser und nahmen eine ältere Melodie als Grundlage für ihr Lied. Heute gehört es im englischen Sprachraum schon zu den Weihnachtsklassikern. In Deutschland war es Rolf Zuckowski, der einen modernen Klassiker zum Repertoire beisteuerte. Er schrieb 1986 das Lied “In der Weihnachtsbäckerei”, das auch heute noch vor allem bei Kindern beliebt ist.

Den modernen Klassiker schlechthin schrieb der britische Sänger George Michael, der ausgerechnet am ersten Weihnachtstag 2016 verstarb. Zwar verhinderte 1984 die Platzierung das Benefiz-Liedes “Do They Know It’s Christmas?” des Band Aid-Projektes von Bob Geldorf, dass “Last Christmas” die damalige Hitliste anführen konnte. Heute allerdings gehört der Song zum klingenden Inventar jedes Weihnachtsmarktes und sorgt für den Soundtrack zum Weihnachtstrubel der Innenstädte. Möglicherweise aus diesem Grund dichtete die deutsche Band “Erdmöbel” eigene Verse zu George Michaels Song (im Video unten). Diese lassen eher ernüchtert und gänzlich unromantisch auf Weihnachten blicken. So singt Sänger und Texter Markus Berges anstelle des Originalverses “Last Christmas, I gave you my heart” “Weihnachten ist mir doch egal”.  So kann man es auch sehen. Trotzdem Frohe Weihnachten an alle Leser und viel Freude beim Singen und Musizieren unterm Weihnachtsbaum.

Zusammengetragen und geschildert von Stephan Becker